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Hamburger Erklärung gegen Totalüberwachung


Foto: Marion S. TrikoskoAls FBI-Direktor ließ J. Edgar Hoover (im Bild) Politiker und Bürgerrechtler in den USA bespitzeln. Auch das heutige Sammeln von Daten ermöglicht die Erpressung der Politik, warnen die Rechtsanwälte gegen Totalüberwachung. Im Rahmen des #pxp_themas Überwachte Welt stellen sie ihre Thesen und Forderungen zur Diskussion. Foto: Marion S. Trikosko, Library of Congress


Ein Beitrag der Rechtsanwälte gegen Totalüberwachung

Die Fakten:

  1. Die digitale Totalüberwachung ist ein historisch beispielloser Angriff auf das verfassungsmäßige Grundrecht auf Privatsphäre Die durch Edward Snowden enthüllte Totalüberwachung aller Bürger stellt einen historisch beispiellosen Angriff auf das verfassungsmäßige Grundrecht auf Privatsphäre dar. Dies hat mit gezielter Spionage, die gewohnheitsrechtlich akzeptiert ist, nichts zu tun. Freiheitlich-demokratische Parteien, Institutionen und Bürger sind verpflichtet, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um diesen Angriff abzuwehren.

  2. Digitale Totalüberwachung gefährdet die zentralen Funktionsbedingungen unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnung Totalüberwachung ist nicht nur eine individuelle Verletzung der Privatsphäre. Und sie tut den Menschen weit mehr an, als sie zum bloßen Objekt der Überwachung zu degradieren: Totalüberwachung nimmt unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnung den Nährboden. Sie erstickt den Widerspruch des Bürgers gegen den Staat. Sie fördert Konformismus, obrigkeitshöriges Denken und den Rückzug ins Privatleben. Totalüberwachung ist ein typisches Kennzeichen totalitärer Regime. Doch auch in Demokratien wirkt sie zersetzend. So wurde die Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King in den USA vom FBI auf illegale Weise bespitzelt und bekämpft (Siehe das Programm COINTELPRO)

  3. Digitale Totalüberwachung ermöglicht Wirtschaftsspionage in großem Stil Die digitale Totalüberwachung stellt eine ernste Bedrohung für deutsche Konzerne und Mittelständler dar, denn sie ermöglicht Wirtschaftsspionage in großem Stil. Es ist vollkommen naiv zu glauben, dass die Totalüberwachung allein zu Zwecken der Terrorprävention eingesetzt wird. Dies lässt sich sogar nachlesen. Im britischen Gesetz »Intelligence Service Act « von 1994 wird als Aufgabe der Geheimdienste unter anderem der Erhalt des britischen »economic well-being« genannt.

  4. Digitale Totalüberwachung ermöglicht die Erpressung von Politikern, Managern und sonstigen Zielpersonen Wenn private Mails, Telefonate und Daten unwidersprochen gesammelt und verwertet werden können, sind politischer und wirtschaftlicher Erpressung Tür und Tor geöffnet. Denn niemand ist »heilig« und jeder Mensch hat einen »wunden Punkt«. Es ist historisch nachgewiesen, dass der ehemalige Chef des FBI, Edgar J. Hoover, solche Informationen genutzt hat, um Politiker gezielt zu erpressen.

  5. Digitale Totalüberwachung zerstört das Vertrauen der Bürger in Berufsgeheimnisträger Ärzte, Rechtsanwälte, Journalisten und Seelsorger sind in besonderer Weise auf ihr gesetzlich verbürgtes Berufsgeheimnis angewiesen, um als gesellschaftliche Institutionen funktionieren zu können. Hier zeigt sich auch die trügerische »Zweitrangigkeit« der Metadaten-Erfassung: Bereits der Anruf bei einem Strafverteidiger oder in einer Suchtklinik lässt überwältigende Rückschlüsse auf die Lebenssituation eines Menschen zu.

Unsere Forderungen an die Bundesregierung:

  1. Erklären Sie, dass die anlass- und verdachtsunabhängige Totalüberwachung der deutschen Bevölkerung eine krasse Verletzung von Grundrechten sowie des deutschen (Straf-)Rechts darstellt, ganz gleich, wo sie stattfindet. Sie ist mit jeder freiheitlich-demokratischen Ordnung unvereinbar und daher sofort einzustellen.

  2. Bestellen Sie die Botschafter der USA und Großbritanniens förmlich ein, verdeutlichen sie diesen diese Haltung und fordern sie die sofortige Einstellung der Totalüberwachung.

  3. Prüfen Sie alle erdenklichen Maßnahmen auf EU-Ebene gegen Großbritannien als EU-Mitglied.

  4. Setzen Sie die Verhandlungen mit den USA über ein Freihandelsabkommen aus und kündigen Sie die »Safe-Harbour-Abkommen« sowie die Verträge zum Austausch von Fluggastdaten, bis die Totalüberwachung seitens der USA eingestellt wird.

  5. Schließen Sie sämtliche Standorte der NSA in Deutschland, damit die BRD ihre volle Souveränität erhält.

  6. Überprüfen Sie die Netze und Netzwerkeinrichtungen in Deutschland auf ihre Integrität hin, um ein »Abzapfen« von Daten auszuschließen.

  7. Veranlassen Sie strengere Kontrollen der deutschen Nachrichtendienste sowie des Bundesamts für Verfassungsschutz.

  8. Sorgen Sie dafür, dass Berichte vor Kontrollgremien künftig mit Vollständigkeitserklärungen unter Eid erstattet werden müssen.

  9. Stoppen Sie die Verwendung von Programmen wie XKeyscore oder stellen Sie diese zumindest unter eine strenge Prüfung der verdachtsbezogenen Verwendung.

Webseite: rechtsanwaelte-gegen-totalueberwachung.de


Hinweis der Redaktion: Am 29. Oktober 2014 diskutieren wir unser #pxp_thema "Überwachte Welt" im Rahmen eines Community-Abends (Informationen zum Termin) sowie Ende November in einer öffentlichen Podiumsdiskussion in Berlin (Näheres in Kürze).


Kommentare

  • Liebe Rechtsanwälte,

    "wehret den Anfängen, ehe es zu spät ist" - auch Stefan Körner stellt in seinem Diskussionsanstoß auf publixphere.de unter der Überschrift "Kontrollierte Menschen sind das Gegenteil von freien Menschen" die Frage: "Was würden Diktaturen mit den Daten tun?"

    Ich denke, Sie wurden bei Ihrer Initiative auch von dieser Furcht geleitet. 1933 haben viele Menschen in Deutschland nicht gemerkt, worauf die Herrschaft der Nationalsozialisten hinaus laufen würde Auch ganze Institutionen und Berufsgruppen nicht. Sie haben sich gleichschalten lassen. Auch die Juristen im Allgemeinen haben sich damals, so weit ich weiß, nicht durch widerständiges Verhalten bemerkbar gemacht.

    Deshalb finde ich es, abgesehen davon, dass Sie inhaltlich Recht haben, gut, dass Sie sich als eine Initiative von RECHTSANWÄLTEN gegen die Totalüberwachung verstehen.

    In Punkt 5 der Fakten erwähnen sie auch die Ärzte, Journalisten und Seelsorger als Berufsgeheimnisträger, die die Totalüberwachung besonders angeht, weil sie ihre Schweigepflicht aushebelt. Ich fände es gut, wenn Ihre Initiative Schule machen würde: Ärzte gegen Totalüberwachung; Journalisten gegen Totalüberwachung; Seelsorger gegen Totalüberwachung...

  • Liebe Rechtsanwälte, danke für die deutliche Erklärung! Ich würde von Ihnen gern noch wissen:

    -zu Punkt 3: Wirtschaftsspionage Wie ist sie gesetzlich geregelt? Was hält die USA oder auch Deutschland davon ab, ausländische Betriebsgeheimnisse zugunsten heimischer Firmen zu stehlen? Nur der "Goodwill" unter "Freunden"? Gibt es da Gesetze? Wie ist die Lage? Für mich trifft dieser Punkt den Kern des kapitalistischen Systems. Wenn wir zum Beispiel nicht mehr wissen, wie 'falsch' im Aktien- und Geldsystem gespielt wird (wird die EZB abgehört?), ist doch das Vertrauen in die Gerechtigkeit des herrschenden Systems komplett im Eimer. Da können wir auch alle nach Hause gehen.

    -zu Forderung 5: Würden Sie sagen, Deutschland ist nicht souverän, solange die NSA da ist? Das ist ja eine schwierige Debatte, für die jemand wie Xavier Naidoo schon mal kräftig eins über bekommt. Aber im ernst, macht für Sie in dieser Debatte das Wort "Souveränität" Sinn oder geraten wir da auf ein nationales Gleis, wo es doch um "Dienste / Apparat versus Bürger" geht?

    -ich vermisse den Punkt: Was darf eigentlich der BND im Ausland tun? Haben Sie Vertrauen, dass der BND mit Nicht-Deutschen besser verfährt als die NSA mit Nicht-Amerikanern?

    -außerdem würde ich gerne wissen, woran es aus Ihrer Sicht liegt, dass die Überwachung die Menschen weder wirklich interessiert noch auf die Straße treibt? Mir kommt es fast vor, als sei das Wort "Totalüberwachung" kontraproduktiv, weil es Ohnmacht suggeriert und als abstrakter Zustand einfach verdrängt wird...

    • Ich will mich ja nicht Verschwörungstheorien hingeben, aber ganz ehrlich, die USA wären sehr blöd, würden sie die EZB NICHT abhören. Bei EZB-Entscheidungen geht es um die Weltwirtschaft, um amerikanische Kerninteressen. Andererseits wären sie auch sehr blöd, würden sie die Informationen dem nächstbesten Investmentbanker stecken, das wäre - wenns auffliegt - eine nicht zu überbietende Vertrauenskrise der Weltwirtschaft. Andererseits arbeiten im Überwachungs-Apparat ja auch nur Menschen - da nimmt man schon mal ein Nacktfoto mit (wie Snowden geschildert hat) oder ein paar Millionen für eine Insider-Info? Diese neue Art von Spekulation und Unsicherheit ist auch eine Konsequenz des Ganzen.