Hallo Miracle, zunächst mal, ich habe keine Ahnung. Es gibt sicher viel Wissenschaft zum Thema, die ich leider nicht kenne. Aber ein paar persönliche Überlegungen...

Wie mächtig sind die Fiktionen, die wir uns täglich reinziehen?

Ich hatte hier mal einen Aha-Moment. Irgendwann nachts sah ich eine Folge T.J.Hooker (eine 80er Serie, nicht der Rede wert). Und nach ein paar Minuten fiel mir wieder ein, wie sie ausgeht. Ich hatte sie also schon einmal gesehen, offenbar vor vielen vielen Jahren (das Zeug läuft in Wiederholungs-Schleifen auf Kabel 1, RTL2, was auch immer). Jedenfalls dachte ich, wie krass. Irgendwo im Kopf bleibt dieses unnütze Wissen zum Ausgang einer T.J. Hooker-Folge über Jahre hinweg zumindest in soweit abgespeichert, dass man es wiedererkennt. Also ich würde mal die These wagen, dass unsere Köpfe randvoll sind mit diesen Erzählungen und Fiktionen.

Das führt zu der Frage, inwieweit sie unbewusst unsere Bilder von der Welt und unseren realen Möglichkeitssinn prägen. Wenn ich immer nur männliche Präsidenten, Polizisten, Gangster, Helden, Politiker und so weiter gesehen habe, dann fällt es mir auch real schwer, mir Frauen in diesen Rollen vorszustellen. Dann ist das nicht selbstverständlich, weil ich es noch nicht tausendfach gesehen habe.Oder ist das zu einfach gedacht?

Wer darf wie sein und was tun?

Inzwischen achte ich oft drauf, wer im Film welche Handlungsmöglichkeiten hat, wer Held sein darf und Schurke. Und bei den Hunger Games ist es wirklich frappierend. Der Held ist eine Frau. Der Rebellenanführer ist eine Frau. Die neue Anführerin ist eine Frau. So dreht der Film im Ansatz die übliche Männerdominanz anderer Filme um (ohne ins Extrem zu gehen, und nur Frauen zu zeigen). Wieder etwas simpel gefragt: Führt das dazu, dass Mädchen und Frauen sich dank dieser fiktionalen Vorbilder eher zutrauen, Heldin zu sein? Präsidentin? In jedem Fall voll selbstbestimmt und maximal handlungsfähig?

MANOHLA DARGIS hat es in der New York Times gut beschrieben. Die Hunger Games-Heldin Katniss entzieht sich einfach den traditionellen Frauenbildern, die das Mainstream-Blockbuster-Kino sonst so zu bieten hat. Sie ist "something else (not the Girl, not the Virgin or the Whore)". Ziemlich cool ist zum Beispiel wie Katniss zwischen zwei Liebhabern hin und her switcht, ohne den klassischen Ärger zu provozieren, indem sie sich männlichen Besitzansprüchen entzieht. Das alles hat das progessive Kino natürlich schon seit Jahrzehnten durch, aber es macht doch einen Unterschied, wenn uns das die globalen Riesenfiktionen wie Star Wars oder Hunger Games wie selbstverstänlich vor Augen führen.

Entspannung!

Und irgendwie habe ich die Hoffnung, dass die geschlechtergerechte Besetzung zur allgemeinen Entspannung beiträgt. Genauso wenig wie Frauen darauf festgelegt werden, das schmückende Beiwerk oder das passive Objekt der Begierde zu sein, sind Männer noch darauf festgelegt, alles James-Bond-mäßig in Grund und Boden prügelnd und schießend zu lösen und zu retten. Die unbewussten Erwartungshaltungen an die Geschlechter schwächen sich ab und verschwimmen.

Aber wie gesagt, ich habe keine Ahnung, ob ich das alles überschätze.

PS: Auch im T.J Hooker-Team gibt es eine Frau. Die Fälle lösen allerdings andere: Foto