+9

Generation Europa: Wir sind anders...und wir sind viele


Foto: Weldon Kennedy (CC BY 2.0)"Die mobilste und transnationalste Generation aller Zeiten". Im Bild: Die spanische Treppe in Rom. Foto: Weldon Kennedy (CC BY 2.0)

Ob im Freundeskreis oder auf dem Arbeitsmarkt – die Generation Europa weiß, wie lebensfern nationales Denken mittlerweile ist. Das muss auch die Politik begreifen, fordert Linn Selle ...


Ein Beitrag von Linn Selle

Die Jugend von heute: Immer auf der Jagd nach einem Facebook-Like, ohne Bock auf echte Politik? Ich bin da anderer Meinung. Untätigkeit wird uns oft nur deshalb vorgeworfen, weil wir uns politisch anders empfinden und ausdrücken als vorherige Generationen. Viele Denkschablonen haben für uns an Kraft verloren. Wir sind anders, aber nicht „mangelhaft“ oder unpolitisch.

Die heutige junge Generation ist die mobilste und transnationalste aller Zeiten. Uns hat die europäische Einigung ungeahnte Mobilitäts- und Zukunftschancen eröffnet. Chancen, die viele Freundinnen und Freunde aus dem europäischen Süden im Übrigen dringend benötigen. Wir leben Europa und fühlen uns zunehmend nicht mehr nur noch als „Deutsche“, sondern auch als „Europäer/innen“ (1). Europa in dieser Hinsicht als Elitenprojekt zu beschreiben, wäre vermessen: Mehr als 250.000 junge Menschen nehmen im Jahr in der EU am ERASMUS-Programm teil. Viele Tausend kommen noch durch bilaterale Austauschprogramme hinzu. Das fördert ein Gemeinschaftsgefühl, das vor 30 Jahren nur einem kleinen Teil der Bildungselite zu Gute kam. Die Lebenswirklichkeit endet nicht an Oder und Rhein, der Sinnhorizont auch nicht. Viele junge Menschen haben nicht nur in Deutschland Freunde, sondern selbstverständlich auch in Griechenland, Großbritannien oder Italien. Im persönlichen Kontakt merken wir ständig, wie ähnlich wir uns als junge Europäer/innen sind. Europa ist unsere gemeinsame Heimat.

Das ändert den Blick auf uns, unsere Nachbarn und Europa. Nicht überraschend also, dass 70 Prozent der jungen Menschen die EU-Mitgliedschaft ihres Landes als etwas Gutes ansehen, in Deutschland sind es sogar 78 Prozent. Werden alle Altersgruppen miteinbezogen, liegt die Zustimmung zur EU dagegen nur bei durchschnittlich knapp 50 Prozent.

Gleichzeitig sind junge Menschen in politischen Strukturen und der Öffentlichkeit stark unterrepräsentiert. Unsere Vorstellungen fließen oft nicht direkt in den politischen Diskurs ein. Der durchschnittliche Bundestagsabgeordnete ist in zwei von drei Fällen männlich und zwischen 1950 und 1965 geboren. Das aktuelle Durchschnittsalter im Bundestag liegt bei knapp 50 Jahren. Gerade einmal 32 Abgeordnete sind jünger als 35 Jahre. Natürlich sollte das bloße Alter nicht überbewertet werden, aber persönliche Erfahrungen prägen natürlich unsere Prioritäten und eben auch unsere politische Wahrnehmung.

Vor diesem Hintergrund muss der national, in Teilen auch nationalistisch geprägte Europa-Diskurs die junge Generation immer öfter verstören. Er passt nicht mehr zu unserer Lebenswirklichkeit. Immer noch wird über „die Griechen“ und „die Deutschen“ debattiert. Während wir täglich erleben, wie unwichtig diese nationalen Schablonen für unsere Beziehungen und gemeinsamen Interessen sind.

Gegen das Gegeneinander

Für uns als junge Europäer/innen gibt es große politische Projekte. Wir müssen raus aus dem Dauerkrisen-Modus. Das sozialstaatliche Europa und das europäische Wohlstandsversprechen sind aktiv zu gestalten. Unseren arbeitslosen Altersgenossinnen in vielen Teilen Europas ist mit engstirniger Nationalstaaterei nicht geholfen. Wir bewegen uns längst in einem gemeinsamen europäischen Markt, der sich nicht nur durch grenzüberschreitendes Reisen, sondern auch durch eine grenzüberschreitende Wertschöpfung auszeichnet.

Europäische soziale Sicherungssysteme wären ein Anfang, um wirtschaftliche Ungleichgewichte auszubalancieren. Die Jungen Europäischen Föderalisten fordern sie seit Jahren. Aktuell setzt sich auch die Initiative European Republic für sie ein. Aber bislang: Fehlanzeige. Das könne man „dem Bürger“ nicht zumuten, sagen uns die Älteren. Auch in der Asyl- und Flüchtlingspolitik zeigt sich ein unwürdiges Kleinklein, das auf den national tickenden Stammtisch schielt. Auch das ist nicht mehr unser Europa. Wir müssen schließlich in dem Europa leben, das grauhaarige Politiker heute erschaffen (oder kaputtmachen).

Unsere Lebenswirklichkeit ist europäisch. Wir haben als junge Europäer gemeinsame Interessen und sollten uns den populistischen Rollback in das nationale Gegeneinander nicht mehr bieten lassen – sei es nun in Deutschland, Frankreich oder sonstwo. Wir sind schon zu viele, um nicht gehört zu werden.

Anmerkung

(1) Vincenzo Cicchelli schreibt: „Überall in Europa wird der Jugend bewusst, dass die Kultur ihres Heimatlandes sicherlich wichtig & konstituierend für ihre Identität ist, aber nicht ausreicht, um die Welt zu begreifen. Die Jugendlichen wollen die anderen Kulturen kennenlernen, denn sie ahnen, dass die kulturpolitischen und wirtschaftlichen Fragen mit der Globalisierung eng zusammenhängen.“ Vincenzo Cicchelli, L’esprit cosmopolite: voyages de formation des jeunes en Europe, Paris 2012.

Links zur Generationen- und Europadebatte


Kommentare

  • ich empfinde mich auch so, all meine akademiker freundInnen würde das selbe sagen nur, das ist die lebensrealität von einer eher kleinen gruppe möchte ich unterstellen. erasmus ist ein elitenprojekt, die unterstützung der eu allein reicht weithin nicht aus einen auslandsaufenthalt zu finanzieren 8auch keinen in brüssel, bei der eu!), so braucht man doch immer auch noch einen ressourcenstarken background. und: alle sind irgendwie politisch, nur wer macht im ende die politische arbeit? strukturell basiert diese in parteien - die alle langweilig finden. wer soll aber dann noch politik machen?

    • sabinemueller ist dafür
      +2

      Gute Punkte! Erasmus ist ein Elitenprojekt - absolut, mit der eher niedrigen finanziellen Unterstützung braucht man im Auslandsjahr noch einen dicken Nebenjob oder eben doch Eltern, die einem helfen. Oder man nimmt einen Studienkredit auf. Wohin das aber letztendlich führt, kann man traurigerweise am US-amerikanischen Studiensystem ganz gut beobachten...

      Ich verstehe deinen Punkt mit der politische Arbeit. Brauchen wir dann vielleicht eine Parteienreform? Oder einfach ganz neue Parteien? Die Piraten und die AfD sind ja auch in den letzten Jahren ziemlich aus dem Nichts entstanden, warum denn nicht mal eine neue Partei gründen, mit der sich v.a. die oben beschriebene Generation identifizieren kann? Neue Parteien müssen ja nicht immer zwangsläufig in irgendeiner Form radikal sein (oder populistisch, oder sehr themenspezifisch)...

    • Ich glaube schon, dass der europäische Arbeitsmarkt für Jüngere in Riesenschritten zusammengewachsen ist. Die Mobilität (Arbeit und Leben) ist viel selbstverständlicher.

      Im Erasmus+ Programm (knapp 15 Millarden Euro bis 2020) werden eben nicht nur Studierende gefördert, sondern auch Schülerinnen, Schüler, Auszubildende, Lehrkräfte und junge Freiwillige.

      Es lässt sich auch andersrum fragen: für was ist Nationalität überhaupt noch zu gebrauchen? Was sagt der deutsche Pass noch aus? Andere Dinge sind doch viel wichtiger: Interessen, Beruf, Lebensart usw.

      • Ja, vielleicht fördert Erasmus+ auch Azubis, Lehrkräfte usw...aber dennoch erreicht ein solches Programm meist nur Leute, die schon ein Verständnis davon haben bzw. schon sensibilisiert sind. Mich würde mal eine Auswertung von Erasmus+ interessieren – z.B. wieviele Menschen der bildungsfernen Schichten nehmen daran teil?

        Zu deinem zweiten Punkt: Ich glaube schon, dass Nationalität wichtig ist und bleibt, nicht nur als Spiegel der eigenen Identität, bzw. als eine Einheit (erstmal bin ich Münchenerin, dann Bayerin, dann Deutsche, dann Europäerin), aber auch hinsichtlich der Politik des eigenen Landes und des nationalen Wirtschaftsraumes. Dennoch würde ich mir eine stärkere Reflexion zwischen Deutsch-Sein und Europäisch-Sein wünschen. Es ist kein Widerspruch, sondern ein Zusammenspiel. Beide Aspekte sind Teil von mir und machen meine Identität aus. Genauso wie mein deutscher Pass, der mich von außen als EU-Bürger kennzeichnet.

  • Ja, ja, ja! Und trotzdem verstehe ich Europa bzw. die verworrenen Strukturen der EU noch nicht so richtig, weiß nicht genau, wie mein Engagement irgendwie Anklang findet, welche Debatten gerade laufen und wer der Abgeordneten für meine Meinung einsteht. Auf nationaler Ebene ist es mir viel klarer (zwar auch nicht 100%, aber immerhin...).

    Brauchen wir vielleicht mehr als ausformulierte Manifeste und Forderungen? Ist es an der Zeit für eine Revolution der U-35-Jährigen Europäer? Also ich wäre dabei...

    • „Ist es an der Zeit für eine Revolution der U-35-Jährigen Europäer?“

      Bei den anderen Punkten stimme ich eher zu, aber hier frage ich mich, wieso diese Altersgrenze? Kann man nicht auch ohne so was z.B. für ein Europa mit mehr parlamentarischer Transparenz und weniger Gipfeltreffen hinter verschlossenen Türen werben?

      P.S. Was glaubt ihr, wie schnell es bei den Griechenland-Verhandlungen in Brüssel zu einer Einigung käme, wenn man androhen würde, dass ab nächster Woche die Gespräche öffentlich im Fernsehen ausgestrahlt würden?

      • Ja, stimmt schon, die Idee mit der Altersgrenze war nicht so gedacht, um Leute auszuschließen, sondern um damit zu betonen, dass die "nächste Generation Führungskräfte" (oder wie man die Menschen nennen mag, die in 20-30 Jahren unterschiedliche leitende politische Posten innehaben werden) sich zusammentun und ihre Visionen gemeinsam artikulieren.

        Und zum P.S.: Haha, gute Idee. Ich glaube da würden wir alle ganz schön mit offenen Mündern vorm Fernseher sitzen. Gerade jetzt, nach den Ereignissen der letzten zwei Tage, wäre es hochspannend, die Verhandlungen zu verfolgen....allerdings bin ich persönlich keine Freundin von absoluter Transparenz, ich finde einige Dinge gehören schon (zumindest erstmal) unter Ausschluss der Öffentlichkeit diskutiert. Was natürlich nicht heißt, dass man über die Köpfe der Bürgerinnen und Bürger hinweg entscheiden sollte.

        • Hallo sabinemueller,

          „war nicht so gedacht, um Leute auszuschließen“

          Dann kann ich mich damit mehr anfreunden.

          „keine Freundin von absoluter Transparenz“

          Das wäre auch nicht mein Ding. Allerdings fand ich es schon ganz gut, dass durch das griechische Referendum zumindest mal der Verhandlungsstand an die Öffentlichkeit gelangt ist.

  • Oh danke! Kurz vor knapp (Grexit) diese Klarstellung. Hätten wir Europa doch rechtzeitig zu Ende gebaut. Das macht mich gerade etwas traurig. Aber vielleicht ist ja noch nicht zu spät.

  • Das stimmt alles! Aber wo organisiert sich denn die Generation Europa ernsthaft? Wenn es eine andere EU-Flüchtlingspolitik geben soll, muss in allen EU-Hauptstädten gleichzeitig Druck ausgeübt werden, und vor den Räten der Innenminister in Brüssel. Aber so lange reicht der Atem nicht. Ein paar empörte Bilder auf Facebook teilen. Das wars dann auch schon.

  • Grundsätzlich richtig, aber dafür müssen sich alle darauf verständigen! Überzeugte Europäer gibt es viele, aber das scheint nicht ausschlaggebend zu sein. Die europäische Idee bedarf der Erneuerung. Dazu sollte ein Bündnis aus Politik, Wirtschaft, Kultur und zivilgesellschaft geschnürt werden. Sie bilden ein konstruktives Netzwerk für einen irreversiblen Weg zu einem gemeinsamen Europa.

  • Hallo Linn Selle, ist alles richtig! Leider endet das europäische Wir-Gefühl oft genau dann, wenn der deutsche Steuerzahler auf den Plan tritt :)

    • David Krappitz Mitglied JEB
      +3

      Gerade deswegen braucht es nicht nur "deutsches" Steuergeld, was "europäisch" verbraten wird.

      Sondern es braucht europäisches Steuergeld, über dessen Einnahmen und Ausgaben alle Europäer entscheiden und nicht jeder Staat für sich.

      Und um noch ein Zitat von Konstantin Kuhle anzufügen: "Souveränität ist nicht das Problem - das Problem ist, dass Souveränität nicht europäisch gedacht wird."

      Konstantin Kuhle:„Der Grieche hat jetzt lange genug genervt"- Europa und der große Knall

      • Wo Du Recht hast, hast Du Recht :)